Sonntag, 16. Dezember 2007

Momentaufnahmen – Zettelkasten

Zu viele Eindrücke gehen einfach an einem vorbei und sind damit verloren. Ein Versuch zu retten, was möglich ist. 22.00 Uhr – Autobahn. Es sollte für alle Co2 Fanatiker keine Provokation sein, über das Gefühl Autofahren zu schreiben im 21. Jahrhundert. Aber nachts mit einem guten Song im Rücken, auf die riesige Autobahn einzubiegen, sich den Kleinigkeiten der Landstraße zu entledigen, damit meine ich Ampeln und eigentlich unbegrenzt bis an die Nordsee durchzufahren, lässt mich auf den ersten 300 Metern erschauern. Die Unendlichkeit ist zum greifen nah.

Man erblickt den Kosmos, aber dieser wird schon noch 20min zur Monotonie. Der dreispurige Riese verkümmert schon bald zur Einfachheit und je länger die Fahrt dauert, desto mehr gleichen sich die Gefühle Autobahn, Landstrasse, Feldweg an. Jeder Weg stößt an seine Grenze die Utopie der Unendlichkeit herzustellen. Die Verknüpfung von A nach B im selben Moment. Distanz wird zur Makulatur, die Zeit vergeht wie auf einer Riesenrutsche, das ist die Utopie der Autobahn. Die ersten Meter glauben wir daran, danach wollen wir nur vor einer Ampel stehen, weil wir dann zu Hause sind.

 

Es gibt kein Kurzstreckenticket zur Selbsterkenntnis, soviel zur Lebenswirklichkeit und zur Selbstreflexion. Die Momentaufnahme, die uns ins stocken bringt oder zweifeln lässt am Sinn oder Unsinn der Welt, ist nur die Erkenntnis im Blitzlicht. Daraufhin wird sich niemand herausnehmen seine Entscheidungen zu treffen. Aber es ist der Moment der uns prägt und über den wir reflektieren können. Wir verknüpfen die Vergangenheit mit der Gegenwart und versuchen uns zu erklären. Zum Scheitern verurteilt sind diese Erklärungsansätze, denn die Evolution macht uns zum Spielball der Natur. Wenn dann ist nur der Moment real und unmittelbar verständlich, alles andere ist Interpretation.

Was immer wir uns vorstellen was Vergangenheit ist, es bleibt eine Geschichte die erzählt wurde. Wir geben dieser Geschichte einen Sinn, die mit dem Konstrukt der Kausalität arbeitet. So strukturieren wir uns den Zweck und die Ursachen, ohne subjektiven und menschlichen Sinn keine Vergangenheit bzw. Zweck.

Jede Zeit hat ihre eigene Sinndefinition. Vor allem, dass Ereignisse nicht einfach von zurückliegenden Ereignissen verursacht werden, dass nicht alles, was geschieht miteinander verknüpft ist. Und andersherum gesagt, dass nicht alles was möglich ist geschieht. Denn Möglichkeiten entstehen auch aus einer Definition einer Situation heraus und die Vorstellungen von Möglichkeiten sind veränderbar über Zeit. Die Kontingenz menschlichen Handelns ist ein Faktum, geboren aus der Natur des Menschen heraus. Denn jedes Ereignis hätte sich auch anderes zutragen können. Obwohl die Ereignisse wiederum unter dem Kontext entstanden sind die einer Begrenzung des Möglichen unterlag.

Daraus folgt eine gewisse Sinnlosigkeit, bzw. Beliebigkeit der Welt, die einer Interpretation bedarf. Und wo nimmt sich der Mensch den Sinn im Leben her. Von der Religion. Jedoch ist „wenn die Religion stirbt, dann hört die Kunst auf, einfach nur schön zu sein, und wird selbst heilig.“

Der Glaube an einen Schöpfergeist beherrscht auch die Künstler, ebenso wie das Bewusstsein, dass er ihnen Unmögliches abfordert und die Gesellschaft nur oberflächlich befriedigt.

 

 

 

Sonntag, 4. November 2007

achtung fake

Mittwoch, 31. Oktober 2007

„Nehmen wir an, Sie hätten einen freien Willen. Es wäre ein Wille, der
von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen
ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein
aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgelöstheit nämlich würde
bedeuten, dass er unabhängig wäre von ihrem Körper, ihrem Charakter,
ihren Gedanken und Empfindungen, ihren Phantasien und Erinnerungen. Es
wäre, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was
Sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinn des
Wortes wäre er deshalb gar nicht Ihr Wille." (Peter Bieri: „Freiheit
und Zufall")

 

 

 

 

Montag, 8. Oktober 2007

The function of legitimacy is to ensure voluntary compliance with unwelcome exercises

of governing authority – Fritz Scharpf:

Since practically all European law needs to be implemented and

enforced by the governments and courts of the member states, the EU does not have to

face its citizens directly. It follows that the legitimacy of European governance ought to

be conceptualized at two levels. At one level, the legitimacy of member states is decisive

for the compliance of individuals and fi rms, regardless of the ultimate origin – international,

European or national – of the rules that demand this compliance. At the other

level, the legitimacy of the European "government of governments" is decisive for the

voluntary compliance of member states with the obligations imposed on them by the

EU. What should be worrying however is the impact which EU governance – especially

the rules of negative integration defi ned by politically non-accountable actors – may

have on the legitimacy of member states, and ultimately on their capacity to comply.

 

 

 

 

 

 

F.A.Z. 4. Oktober 2007, S.10:

Vergemeinschaftung kann nur bestehen wenn zentrale vorpolitische Voraussetzungen bewahrt bleiben. Dazu zählen die Annahme demokratischer Mehrheitsentscheidungen und die Achtung des anderen in seiner möglicherweise ganz entgegengesetzten politischen und religiösen Überzeugung ebenso wie das Beharren auf dem, was Ernst-Wolfgang Böckenförde einmal die Emanzipationsstruktur der Gesellschaft genannt hat, der patriarchalisch dominierte vormoderne (Parallel-)Gesellschaften gerade nicht entsprechen.

 

Ein von Pluralität und Toleranz geprägtes politisches Gemeinwesen bedarf für die Erhaltung seiner Handlungs- und Integrationsfähigkeit selbst eines Mindestmaßes an soziokultureller und zivilisatorischer Homogenität. Denn es bleibt der schwierigen Gedanken auszuhalten und im Alltag zu verwirklichen, dass der einheitsstiftende Konsens einer pluralen Gesellschaft im Dissens der divergenten religiösen, weltanschaulichen und politischen Positionen nicht seinen feindlichen Widerpart, sondern seine Grundlage hat. (H. Dreier).

 

 

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Anna Politkowskaya - ermordet am 7.10.2006 in Moskau

 

Anna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2006 vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen wurde, war eine der wenigen Journalistinnen und Journalisten, die über die Lage in Tschetschenien berichten. So hätte ein lange recherchierter Artikel über Folter in Tschetschenien am 9. Oktober 2006 in der „Novaya Gazeta“ erscheinen sollen.

 

Die bisher bekannt gewordenen Ergebnisse der Ermittlungen überzeugen nicht. Auch ein Jahr nach dem Tod der Journalistin stehen die Drahtzieher des politischen Mordes nicht fest. ROG fordert daher weitere Ermittlungen. Mögliche Verstrickungen von Politik, Geheimdienst und Polizei dürfen dabei kein Hindernis sein. Der Mord muss lückenlos aufgeklärt werden!

 

Politkowskaja, Mutter von zwei Kindern, wurde 1958 in New York geboren, wo ihre russisch-ukrainischen Eltern als sowjetische Diplomaten für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) arbeiteten. Sie studierte Journalismus an der Moskauer Universität und begann 1982 für die Zeitung „Izvestia“ und später für die Fluggesellschaft Aeroflot zu arbeiten. Von 1994 bis 1999 war sie Herausgeberin der „Obschchaya“ und ab 1999 bei „Novaya Gazeta“.

 

Politkowskaja war bekannt für ihre Berichterstattung über Tschetschenien. Sie besuchte die Region mehr als 40 Mal. 1998 interviewte sie den tschetschenischen Präsidenten Aslan Maskhadow. Sie war außerdem die einzige Journalistin, die 1999 über den zweiten Krieg in Tschetschenien berichtete.

 

Politkowskajas Engagement ging weit über den Journalismus hinaus. Sie begleitete russische Frauen vor Gericht, deren Söhne in Tschetschenien getötet wurden. Außerdem vermittelte sie bei der Geiselnahme in einem Moskauer Theater im September 2002.

Als sie im September 2004 auf dem Weg zu dem Geiseldrama an einer Schule in Beslan (Ossetien) war, wurde versucht, sie zu vergiften. So wurde verhindert, dass sie über das Ereignis berichten konnte. Mehr als dreihundert Menschen starben an diesem Tag.

 

Ihre zahlreichen Bücher über Russland und die russische Politik in Tschetschenien machten sie auch im Westen bekannt.

 

Politkowskaja sprach viele Tabuthemen in ihren Berichten an und kritisierte öffentlich den russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Solange er an der Macht ist, wird Russland keine Demokratie sein“, sagte sie. Außerdem äußerte sie heftige Kritik an Tschetscheniens pro-russischem Präsidenten Ramzan Kadyrow.

 

Sie erhielt Morddrohungen, die sie 2001 vorübergehend ins österreichische Exil trieben. Vor ihrem Tod soll sie sich laut Freunden erneut bedroht gefühlt haben; doch lehnte sie es ab, zurück ins Exil zu gehen.

 

Für ihre mutige Suche nach der Wahrheit erhielt Anna Politskowkaja zahlreiche Auszeichnungen, etwa die Goldene Feder der des russischen Journalistenverbandes (2000), den Preis des Internationalen PEN Clubs (2002), den OSCE- Preis für Journalismus und Demokratie (2003) sowie den Olof Palme Preis (2004).

 

ROG-Aktionen am 7. Oktober 2007.

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 9. September 2007

Ein halbes Jahrzehnt Konstanz.

 

Letzter Akt FNST in Köln

Stipendiatenball als Stipendiat

 

Der Anfang FNST im Oktober 2005

Für die Freiheit – 2 Jahre Forschung

 

 

 

 

R – wie Revolution. H – wie Hambach

1832 – 2007, d.h. 175 Jahre Freiheit, Demokratie, Europäische Integration

 

 

 

 

Samstag, 11. August 2007

Instantes
Jorge Luis Borges


Si pudiera vivir nuevamente mi vida.
En la próxima trataría de cometer más errores.
No intentaría ser tan perfecto, me relajaría más.
Sería más tonto de lo que he sido, de hecho
tomaría muy pocas cosas con seriedad.
Sería menos higiénico.
Correría más riesgos, haría más viajes, contemplaría
más atardeceres, subiría más montañas, nadaría más ríos.
Iría a más lugares adonde nunca he ido, comería
más helados y menos habas, tendría más problemas
reales y menos imaginarios.
Yo fui una de esas personas que vivió sensata y
prolíficamente
cada minuto de su vida; claro que tuve momentos de alegría.
Pero si pudiera volver atrás trataría de tener
solamente buenos momentos.
Por si no lo saben, de eso está hecha la vida, sólo de
momentos;
no te pierdas el ahora.
Yo era uno de esos que nunca iban a ninguna parte sin
termómetro,
una bolsa de agua caliente, un paraguas y un paracaídas;
Si pudiera volver a vivir, viajaría más liviano.
Si pudiera volver a vivir comenzaría a andar descalzo a
principios
de la primavera y seguiría así hasta concluir el otoño.
Daría más vueltas en calesita, contemplaría más amaneceres
y jugaría con más niños, si tuviera otra vez la vida por
delante.
Pero ya tengo 85 años y sé que me estoy muriendo.

 

 

 

 

Freitag, 10. August 2007

TSURU NO ONGAESHI  鶴の恩返し

日本の代表的な昔話に「鶴の恩返し」があります。むかし、傷を負った鶴を治してあげた男のもとに美しい娘が現われ結婚した。娘は毎日「決して覗かないで」と言って、部屋に篭って機織り機で織物を織った。これが高く売れ、男は喜んだが、糸もないのに機を織る妻を不思議に思って、つい部屋を覗いてしまった。するとそこには自分の羽を抜いて機を織っていた鶴の姿が。あの日助けられた鶴が姿を変えて恩返しに来ていたのだが、本当の姿を見られたため、悲しくも去っていってしまう。そんな心温まる悲しいストーリーなのです

Donnerstag, 9. August 2007

Naivität ist die Tatsache des ununterbrochenen Staunens.

 

 

 

 

Mittwoch, 8. August 2007

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

 

 

Erich Fried

 

 

 

 

Nach Kunst, Kultur, Promotion, Japan, Denken die erste Arbeitswoche. Vom Wort zur Tat

 

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«

Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muß es anders übersetzen,

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

Bedenke wohl die erste Zeile,

Daß deine Feder sich nicht übereile!

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat

Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Dienstag, 7. August 2007

In the present state of the art this is all that can be done

Montag, 9. Juli 2007

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

Donnerstag, 7. Juni 2007

Die Schnecke und der Rosenstock

Hans-Christian Andersen

Rings um den Garten zog sich eine Hecke von Haselbüschen, außerhalb derselben war Feld und Wiese mit Kühen und Schafen, aber mitten in dem Garten stand ein blühender Rosenstock; unter diesem saß eine Schnecke, die hatte vieles in sich, sie hatte sich selbst. 'Wartet nur bis meine Zeit kommt!' sagte sie, 'ich werde mehr ausrichten, als Rosen ansetzen, Nüsse tragen oder Milch geben wie Kühe und Schafe!' 'Ich erwarte sehr viel von Ihr!' sagte der Rosenstock. 'Darf ich fragen: wann wird es zum Vorschein kommen?''Ich lasse mir Zeit!' sagte die Schnecke. 'Sie haben nun solche Eile! Das spannt die Erwartungen nicht!'

Im darauffolgenden Jahr lag die Schnecke ungefähr auf derselben Stelle im Sonnenschein unter dem Rosenstock, der wieder Knospen trieb und Rosen entfaltete, immer frische, immer neue. Und die Schnecke kroch halb aus ihrem Haus heraus, steckte die Fühlhörner aus und zog sie wieder ein.

'Alles sieht aus wie im vorigen Jahr! Gar keinen Fortschritt; der Rosenstock bleibt bei den Rosen, weiter kommt er nicht!' Der Sommer, der Herbst verstrich, der Rosenstock trug Rosen und Knospen, bis der Schnee fiel, bis das Wetter rauh und naß wurde; der Rosenstock beugte sich zur Erde, die Schnecke kroch in die Erde.

Es begann ein neues Jahr; die Rosen kamen zum Vorschein, die Schnecke kam zum Vorschein. 'Sie sind jetzt ein alter Rosenstock!' sagte die Schnecke. 'Sie müssen machen, daß Sie bald eingehen. Sie haben der Welt alles gegeben, was Sie in sich gehabt haben, ob es von Belang war, das ist eine Frage, über die nachzudenken ich keine Zeit gehabt habe; so viel ist aber klar und deutlich, daß Sie nicht das Geringste für Ihre innere Entwicklung getan haben, sonst wäre wohl etwas anderes aus Ihnen hervorgegangen. Können Sie das verantworten? Sie werden jetzt bald ganz und gar nur Stock sein! Begreifen Sie, was ich sage?'

'Sie erschrecken mich!' sagte der Rosenstock. 'Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.' 'Nein, Sie haben sich wohl überhaupt nie mit Denken abgegeben! Haben Sie sich jemals Rechenschaft gegeben, weshalb Sie blühen, und wie der Hergang beim Blühen ist; wie und warum nicht anders!'
'Nein!' sagte der Rosenstock. 'Ich blühte in Freude, weil ich nicht anders konnte. Die Sonne schien und wärmte, die Luft erfrischte, ich trank den klaren Tau und den kräftigen Regen; ich atmete, ich lebte! Aus der Erde stieg eine Kraft in mich hinauf, von oben kam eine Kraft, und deshalb mußte ich immer blühen; das war mein Leben, ich konnte nicht anders!'

'Sie haben ein sehr gemächliches und angenehmes Leben geführt!' sagte die Schnecke. 'Gewiß! Alles wurde mir gegeben!' sagte der Rosenstock. 'Doch Ihnen wurde noch mehr gegeben! Sie sind eine dieser denkenden, tiefsinnigen Naturen, eine dieser Hochbegabten, welche die Welt in Erstaunen setzen werden!' 'Das fällt mir nicht im entferntesten ein!' sagte die Schnecke. 'Die Welt geht mich nichts an! Was habe ich mit der Welt zu schaffen? Ich habe genug mit mir selbst und genug in mir selbst!'
'Aber müssen wir alle hier auf Erden nicht unser bestes Teil den anderen geben, das darbringen, was wir eben vermögen? Freilich, ich habe nur Rosen gegeben! Doch Sie? Sie, die so reich begabt sind, was schenken Sie der Welt? Was werden Sie geben?'

'Was ich gab? Was ich gebe? - Ich spucke sie an! Sie taugt nichts! Sie geht mich nichts an. Setzen Sie Rosen an, meinetwegen, Sie können es nicht weiterbringen! Mag die Haselstaude Nüsse tragen, die Kühe und Schafe Milch geben, die haben jedes ihr Publikum, ich habe das meine in mir selbst! Ich gehe in mich selbst hinein, und dort bleibe ich. Die Welt geht mich nichts an!'
Und damit begab die Schnecke sich in ihr Haus hinein und verkittete dasselbe.'Das ist recht traurig!' sagte der Rosenstock. 'Ich kann mit dem besten Willen nicht hineinkriechen, ich muß immer heraus, immer Rosen ausschlagen. Die entblättern nun gar, verwehen im Winde! Doch ich sah, wie eine Rose in das Gesangbuch der Hausfrau gelegt wurde, eine meiner Rosen bekam ein Plätzchen an dem Busen eines jungen schönen Mädchens, und eine ward geküßt von den Lippen eines Kindes in lebensfroher Freude. Das tat mir so wohl, das war ein wahrer Segen. Das ist meine Erinnerung, mein Leben!'

Und der Rosenstock blühte in Unschuld, und die Schnecke lag und faulenzte in ihrem Haus. Die Welt ging sie nichts an. Und Jahre verstrichen.
Die Schnecke war Erde in der Erde, der Rosenstock war Erde in der Erde; auch die Erinnerungsrose in dem Gesangbuch war verwelkt - aber im Garten blühten neue Rosenstöcke, im Garten wuchsen neue Schnecken; sie krochen in ihre Häuser hinein, spuckten aus - die Welt ging sie nichts an. Ob wir die Geschichte wieder von vorne zu lesen anfangen? - Sie wird doch nicht anders.

Hans-Christian Andersen


Alles vergeht und muss weichen
Alles vergeht und muss weichen,
Wir gehen dahin wie ein Rauch.
Die Rosen der Wangen verbleichen
Und Lächeln - und Tränen auch.
Warum also die Trauer?
Wie das Blatt mit dem Winde verweht,
So ist kein Kummer von Dauer,
Die Zeit und der Mensch vergeht!
Alles ist nur ein Verschwinden,
Hoffnung und Freundschaft und Glück.
Es vergeht wie von starken Winden
Und kehret niemals zurück

Montag, 28. Mai 2007

Leser, ich fürchte, du wirst meine Gedichte nicht verstehen.

Du würdest sie verstehen, wenn du sie nach und nach kennenlernen könntest, und sei es aus verschiedenen Zeitschriften. Aber du hattest diese Möglichkeit nicht, und so gebe ich mit Schmerzen im Herzen diesen meinen ersten Gedichtband heraus."

Charms, Notizbuch 1926.

"Gedichte schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht." Daniil Charms.

Lob der deutschen Sprache (Borges)

Die kastilische Sprache ward mir zum Schicksal,
Franzisco de Quevedos Bronze,
aber auf dem langen Weg durch die Nacht;
erheben sich andre, intimere Musiken.
Eine wurde mir aus dem Blute geschenkt -
o Stimme Shakespeares und der Schrift-
andere durch Zufall, der freigebig ist.
Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht, ganz von mir aus.
In Nachtwachen und mit Grammatiken,
aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand, das nie den präzisen Beiklang trifft,
näherte ich mich Dir.
Meine Nächte sind mit Virgil angefüllt;
so sagte ich einmal;
ich könnte aber auch gesagt haben:
mit Hölderlin und Angelus Silesius.
Heine gab mir seine Nachtigallenpracht;
Goethe die Schickung einer späten Liebe,
gelassen sowohl wie bereichernd;
Keller die Rose, gelegt von der Hand
in die eines Toten, der die Blume liebte
und der nie wissen wird, ob sie weiß oder rot ist.
Du, Sprache Deutschlands, bist Dein Hauptwerk;
die verschränkte Liebe der Wortverbindungen,
die offenen Vokale, die Klänge,
angemessen dem griechischen Hexameter,
und Deine Wald- und Nachtgeräusche.
Dich besaß ich einmal. Heute, am Saum der müden Jahre;
gewahre ich Dich in der Ferne;
unscharf wie die Algebra und den Mond!